29.11.2016 um 15:18 von michael meiner

Im Test: Final Fantasy XV für PS4 und Xbox One.

Final Fantasy XV blickt schon jetzt auf eine mehr als bewegte Geschichte zurück. Ursprünglich sollte das Spiel nämlich unter dem Namen Final Fantasy VS 13 erscheinen, bekam dann einen neuen Namen und einen neuen Director verpasst und steht nun, nach über einer Dekade Entwicklungszeit, endlich in den Läden. Wir haben uns die PS4- und Xbox One-Versionen für euch angeschaut. Ein kleiner Hinweis: Wer die Geschichte von Final Fantasy XV wirklich verstehen will, sollte sich zuvor den Film Final Fantasy XV: Kingsglaive anschauen, der auf Blu-ray und im Stream erhältlich ist.

Prinz Noctis und seine Freunde

Final Fantasy XV erzählt die Geschichte des jungen Prinz Noctis aus dem Königreich Lucis, dessen Leben gehörig durcheinander gewirbelt wird. Eigentlich war der Prinz nämlich auf dem Weg zu seiner Hochzeit, als das böse Imperium von Niflheim einen hinterlistigen Angriff auf die Hauptstadt durchführt und einen magischen Kristall sowie den königlichen Ring entwendet. Und ratet mal, wer das Diebesgut wiederbeschaffen soll? Ganz genau, Prinz Noctis und seine drei Begleiter, Gladiolus, Ignis und Prompto. Ohne diese Artefakte sieht es für die Welt EOS nämlich im wahrsten Sinne des Wortes finster aus!

Der magische Kristall

Um zu verhindern, dass die Welt EOS von ewiger Dunkelheit verschlungen wird, kämpft ihr euch durch eine auf 14 Kapitel angelegte Hauptstory, die Noctis und seine Freunde durch staubige Wüstengebiete, malerische Städte, vereiste Göttergräber bis in die Hauptstadt des bösen Imperiums von Niflheim führt. Allerdings ist zu Beginn des Spiels noch wenig von der Bedrohung durch das Imperium zu spüren. Noctis und seine Freunde sind mit dem Auto liegengeblieben und erfahren in einer Werkstatt von den grauenhaften Ereignissen in der vom Imperium besetzten Hauptstadt.

Hilfe für Final Fantasy-Einsteiger vom Autoschrauber

Zum Glück haben Autoschrauber Cid und seine Tochter Cidney nicht nur tröstende Worte für den Königssohn, sondern unterstützen ihn auch dabei, seine Aufgabe zu erfüllen. Anhand von vielen kleinen Quests und Nebenaufgaben zeigen euch Cid & Co zu Beginn, wie der Hase in der weiten Welt von EOS läuft. Anders als in den meisten Spielen der Final Fantasy-Hauptserie, ist die Spielwelt zu Beginn relativ offen. Das bedeutet, ihr entscheidet selbst, ob ihr der Hauptgeschichte folgen wollt oder euch an einem der zahlreichen Nebenquests versucht.

Auto oder Chocobo?

In den ersten sieben Kapiteln der Hauptgeschichte legt ihr größere Entfernungen in eurem Auto zurück und habt die Wahl, ob ihr Igbnis fahren lassen wollt oder lieber selbst das Gaspedal durchdrückt. Wir empfehlen, Ignis fahren zu lassen, denn wenn ihr selbst fahrt, gilt es lediglich, das Gaspedal durchzudrücken und an Kreuzungen in den entsprechende Richtung zu steuern, denn Rest (inklusive Kurven) fährt euer Schlitten automatisch. Wer sich lieber umweltbewusst fortbewegt, besorgt sich einen Chocobo. Mit den knuffigen Vögeln kommt ihr nicht nur schneller voran, sondern könnt auch an Rennen teilnehmen und euch ein paar zusätzliche Gil verdienen.

Her mit den Infos!

Besonders zu Beginn ist es wichtig, euch im örtlichen Restaurant einzufinden, denn hier findet ihr die so genannten „Tippster”, die euch mit Informationen über interessante Punkte in der Umgebung, Kochrezepten und Jagdaufträgen versorgen. Zusätzlich warten in jedem Ort noch Charaktere, die euch Missionen zuschustern. Mal geht ihr dabei für einen Jäger auf die Suche nach verlorenen Erkennungsmarken, fotografiert Chocobo-Küken in freier Wildbahn oder prügelt Monster von den Feldern eines Bauern. Obwohl diese Nebenaufgaben meistens nach demselben Muster ablaufen, helfen sie euch dabei, das Kampfsystem zu verinnerlichen und die Mechanismen der Final Fantasy XV-Welt kennenzulernen.

Das neue Kampfsystem

Das Kampfsystem in Final Fantasy XV unterscheidet sich deutlich von den Kampfmechaniken aller anderen Spiele aus der Final Fantasy-Hauptserie. Anstatt auf ein rundenbasiertes Kampfsystem zurückzugreifen, haben sich die Entwickler entschieden, neue Wege zu gehen und Final Fantasy XV ein Echtzeit-Kampfsystem zu verpassen. Das bedeutet, ihr gebt eure Befehle nicht mehr bequem über ein Menü ein und schaut dann dem Spektakel zu, sondern prügelt euch, ähnlich wie bei Kingdom Hearts oder Devil May Cry durch die fantasievollen Gegnerhorden.

Magische Waffen und Kombos

Bei den Kämpfen kommt eine von Noctis königlichen Besonderheiten zum tragen. Dank seiner Blutlinie verfügt Noctis über magische Kräfte, mit denen ihr Waffen beschwören und sich durch die Gegend teleportieren kann. Wer den Monstern also den Garaus machen will, sollte den Warp-Strike ebenso verinnerlichen, wie normale Angriffe und die Block-Mechanik. Dank der manuellen Zielerfassung warpt ihr von einem Gegner zum anderen, lasst verheerende Kombis vom Stapel oder schließt euch mit euren Mitstreitern zu mächtigen Kombos und Team-Angriffen zusammen. Dabei ist es wichtig, Noctis MP-Balken im Auge zu behalten, denn die Ausweich- und Warp-Aktionen kosten magische Energie. Wer zu häufig getroffen wird, fällt obendrein in einen kritischen Zustand, der sämtliche Angriffe- und Fähigkeiten blockiert. Wenn ihr jetzt nicht von einem anderen Charakter mit Energie versorgt werdet, bleibt nur der Griff zum Lebenselixier. Alternativ könnt ihr jedoch auch in Deckung gehen oder euch an einem der Warp-Punkte hängen, um Magie und Lebensenergie wieder aufzuladen. Wer Glück hat, darf im Verlaufe der Kämpfe sogar einen übermächtigen Gott beschwören, der alles Leben auf dem Bildschirm vernichtet. Leider sind diese spektakulären Auftritte sehr selten, denn die Götter kommen euch nur zur Hilfe, wenn ihnen danach ist.

Alle für Einen!

Natürlich haben auch eure Kampfgefährten einige Tricks auf Lager. Sobald Noctis Freunde ausreichend Schaden verursacht haben, könnt ihr auf Knopfdruck spezielle Angriffe oder Fähigkeiten aktivieren. Auf diese Weise entfesselt ihr mit Gladiolus verheerende Flächenangriffe oder lasst von Ignis die Gegner auf Schwachstellen untersuchen. Im Verlauf der Geschichte schaltet ihr zudem noch jede Menge neue Spezialattacken frei, mit denen ihr eigentlich jede Bedrohung meistern solltet. Apropos Spezialattacken: Im Verlauf der Geschichte entdeckt Prinz Noctis spezielle Hieb- und Stichwaffen (Royal Arms), die sich in Kämpfen aufladen und dann für einige Sekunden eine Art Overdrive-Modus bei Noctis freischalten, der euch auf Knopfdruck unglaublich starke Angriffe und Kombis austeilen lässt. Neben den relativ kleinen Monstern, die die frei begehbare Oberwelt bevölkern, erwarten euch am Ende der Story-Missionen oder in tiefen Dungeons auch noch jede Menge gewaltige Endgegner, die eurer Fingerfertigkeit einiges abverlangen werden.

Zu schnell?

Trotz schöner Effekte und pfeilschneller Action hat das Kampfsystem einige Nachteile. Die Kamera schafft es häufig nicht, die Gefechte im richtigen Winkel darzustellen. Wer ständig mit dem Warp-Strike angreift und sich durch die Gegend beamt, hängt das virtuelle Auge schneller ab, als einem lieb sein kann. Das passiert zwar bei allen anderen Spielen mit Echtzeit-Kampfsystemen, jedoch hätten wir uns von einem Spiel mit so langer Entwicklungszeit in dieser Hinsicht ein wenig mehr erwartet. Besonders schlimm wird es bei einem Kampf gegen den Gott Leviathan. Anstatt euch mit intelligenten Angriffsmustern zu fordern und zu taktischen Vorgehen zu zwingen, reicht es vollkommen, den riesigen Gegner anvisiert zu halten und auf zwei Knöpfe einzuprügeln. Vergleicht man dieses Gefecht mit den spannenden Bossfights aus älteren Teilen, zieht Final Fantasy XV klar den Kürzeren.

Minimaler Rollenspielanteil

Habt ihr genügend Monster geplättet und Erfahrungspunkte gesammelt, steigen eure Helden bei jeder Übernachtung einige Stufen auf. Analog zum an Action-Adventures erinnernden Kampfsystem, haben die Entwickler auch die Charakterverwaltung mächtig eingedampft. Anstatt mit unzähligen Waffen und Kleidungsstücken zu hantieren, gibt es pro Spielfigur vier Outfits und eine wechselnde Anzahl von Ausrüstungs-Slots (bis zu drei pro Charakter) die ihr mit Schmuckstücken füllt und so die Werte eures Kämpfers verbessert. Magie ist ebenfalls eine ziemlich simple Geschichte geworden. Ihr kreiert auf Knopfdruck Zaubersprüche aus gesammelter Energie und rüstet die Zauber dann in einem Waffen-Slot aus. Baupläne für eigene Waffen oder Ausrüstung gibt es nicht, lediglich spezielle Argumentationsverstärker können mit der Hilfe des Mechanikers Cid verstärkt werden. Um die Fähigkeiten eurer Charaktere zu entwickeln, schaltet ihr in unterschiedlichen Kategorien neue Möglichkeiten frei. Auf diese Weise steigert ihr die Angriffsenergie, Kombo-Fähigkeiten oder magische Fertigkeiten eurer Truppe.

Sehr gute Technik...mit Mängeln.

Technisch hat Final Fantasy XV einiges zu bieten. Prinz Noctis und Co sind herrlich animiert, wobei besonders das im Wand flatternde Haar der Protagonisten und einige Kampfeffekte wirklich beeindruckend sind. Die Landschaften mit ihren knalligen Farben und seltsamen Bewohnern ziehen euch tief in die Welt von Final Fantasy XV hinein, spätestens wenn ihr im neunten Kapitel angekommen seid, zeigt sich Final Fantasy XV in seiner ganzen Pracht. Allerdings schleichen sich (besonders auf der Xbox One) spätestens in der Stadt Altissia einige ziemlich derbe Ruckler ins Spielgeschehen, auch PopUps- und sehr spät ins Bild fadende Schatten, Gräser und Gegenstände sind bei Final Fantasy XV an der Tagesordnung. Obwohl die Welt insgesamt sehr hübsch und stimmig ist, wirken Noctis und die meisten handelnden Charaktere mit ihren wilden Frisuren und Outfits etwas deplaziert. Stellt euch einfach vor, ihr trefft eine Boyband im Bühnen-Outfit bei eurem Metzger, dann versteht ihr ungefähr, was gemeint ist. Im Vergleich zu den Vorgängern hält sich Teil XV mit ausufernden Render-Sequenzen deutlich zurück. Die meisten Ingame-Filmchen werden mit Hilfe der Engine dargestellt was zwar durchaus spektakulär aussieht, den Rendersequenzen vergangener Tage in Bezug auf Bombast aber nicht das Wasser reichen kann.

Die Geschichte ist nur ein Teil einer Geschichte

Inhaltlich enttäuscht die Geschichte von Final Fantasy XV etwas. Die meisten Charaktere im Spiel bleiben blass, da ihnen die Geschichte nicht genug Luft zum atmen lässt. Auch ein omnipräsenter, übermächtiger Bösewicht wie Sephiroth aus Final Fantasy VII oder Sin aus FF X, fehlt in der Geschichte, die sich insgesamt zu sehr darauf verlässt, dass die Spieler von FF XV den Film Kingsglaive nicht nur gesehen, sondern auch verinnerlicht haben. Die Art, wie die Story erzählt wird ist ebenfalls ungewöhnlich. Das Spiel plätschert in den ersten neun Kapiteln vor sich hin und tritt erst ab Kapitel 10 voll aufs Gas. Mit knappen 35 Stunden (ohne Nebenquests) Spielzeit dürfte die Hauptstory von FFXV auch eine der kürzesten in der gesamten Geschichte von Final Fantasy sein. Wer gerne Welten durchstöbert, findet in EOS jedoch auch nach dem Ende der Story noch einiges zu tun. Geheimnisvolle Waffen wollen geborgen, verschlossene Dungeons geöffnet und gottgleiche Monster besiegt werden. Alternativ könnt ihr auch die Talente eurer Schützlinge verfeinern, indem ihr nach spektakulären Fotomotiven sucht, durch die Wildnis latscht, euren Chocobo auflevelt oder mit Noctis die Angelrute auswerft. Das völlig sinnfreie Minispiel „Justice Monsters Five” lassen wir hier besser unerwähnt.

Unser Fazit: Mit dem Neustart der Final Fantasy-Reihe sind die Entwickler einige Risiken eingegangen, leider geht die Rechnung nicht zu 100 Prozent auf. Das komplexe Kampfsystem leidet zum Teil unter der chaotischen Kameraführung und die Charakter-Verwaltung bietet zu wenig Möglichkeiten, die Helden nach den Vorstellungen des Spielers zu entwickeln. Einige Designentscheidungen, wie die langweiligen Autofahrten oder der Kampf gegen Leviathan verwundern bei einem Spiel, das so lange in der Entwicklung war doch ein wenig. Unterm Strich bleibt ein neues Final Fantasy mit pfeilschnellen Kämpfen und toller Technik, dem es ein wenig an Balance und Herz mangelt. Das bedeutet nicht, dass Final Fantasy XV keinen Spaß machen würde. Die Kämpfe machen Spaß, die Welt ist schön gebaut und auch die Geschichte hat den einen oder anderen Höhepunkt zu bieten. Ein absolutes Ausnahmespiel ist Final Fantasy XV jedoch eindeutig nicht geworden.



Michael Meiner
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